Entstehungsgeschichte

Am Anfang stand eine Idee. Je mehr Gespräche die Mitarbeiter des bbzs mit Personalverantwortlichen und Ausbildern insbesondere aus den Industrieunternehmen der Region führten, desto stärker nahm diese Idee Gestalt an. Der wesentliche Eindruck aus diesen Gesprächen bestand darin, dass vor allem jungen Hauptschulabsolventen von den Unternehmen Sekundärtugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Stehvermögen, Berechenbarkeit und Respekt weit überwiegend abgesprochen wurden. Die Betriebe gaben zudem an, gerne würden sie zusätzliche Lehrstellen bereit stellen, wenn sie Personen zugeführt bekämen, denen diese Tugenden eigen seien. Wir nahmen in diesen Gesprächen wahr, dass das zentrale „Killer-Kriterium“ für die Hauptschüler nicht allein in fehlenden Kenntnissen in Mathematik und Deutsch begründet liegt, sondern vor allem in eklatanten Defiziten an Sekundärtugenden.

Vor diesem Hintergrund entwarf das bbz im Frühjahr 2005 einen vollkommen neuartigen Lehrgang. Der Lehrgang sollte den Nachweis erbringen, dass es noch junge Hauptschüler gibt, die über exakt die Sekundärtugenden verfügen, die ihnen von den Unternehmen regelmäßig abgesprochen wurden. Dies bedeutete zunächst, das Lehrgangsdesign so auszurichten, dass die Hauptschüler erheblich gefordert wurden. Das bbz entschloss sich dazu, von den teilnehmenden Schülern zu fordern, über ein ganzes Jahr hinweg nahezu an jedem Freitag 4 Unterrichtsstunden und an jedem Samstag 6 Unterrichtsstunden Präsenz zu zeigen – und dies ergänzend zu ihrer Schulzeit. Wir legten zugleich fest, dass die Lernphasen in dem Lehrgang ganz überwiegend praktisch ausgestaltet werden mussten, damit die jungen Leute über „ihrer Hände Ertrag“ motiviert und begeistert werden konnten.

Zugleich legten wir fest, dass wir den Lehrgang nicht erst anbieten wollten, wenn die jungen Leute bereits in die Arbeitslosigkeit abgeglitten waren. Das Lehrgangsangebot sollte präventiv angelegt sein. Dies bedeutete, bereits während der Schulzeit das von den jungen Leuten zu fordern, was die Unternehmen im Einstellungsverfahren von ihnen verlangen würden. Von Anbeginn an war dem bbz klar, dass man junge Leute nur dann würde motivieren können, wenn am Ende des Lehrgangs eine konkrete Lehrstellenperspektive stünde. Diese Perspektive versprachen wir. Den jungen Leuten versicherten wir, dass sich die in dem Projekt eingesetzten Ausbilder über ihre Unternehmenskontakte für die Einstellung der Lehrgangsabsolventen in den Unternehmen einsetzen würden. Im Einzelnen sah das Lehrgangsdesign folgende Eckwerte vor:

  • Die Zielgruppe des Lehrgangs sind alle (!) Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen in allen Hauptschulen im Kreis Siegen- Wittgenstein. Die teilnehmenden Schüler durchlaufen freiwillig einen ihre Schulzeit ergänzenden Lehrgang von 570 Unterrichtsstunden. Die Durchführung erfolgt in ihrer Freizeit; jeweils freitags (Nachmittag) und samstags (Vormittag).
  • Die Lehrgänge werden von 4 Bildungseinrichtungen im Kreisgebiet organisiert. Diese Einrichtungen führen die Jugendlichen inhaltlich in unterschiedliche Berufsfelder ein und tragen dafür Sorge, dass die jungen Menschen zu einem hohen Prozentsatz am Ende der 10. Klasse in eine betriebliche Lehre einmünden. Voraussetzung: Die Jugendlichen erreichen bei ihrer Lehrgangsteilnahme eine Präsenzquote von mindestens 90 %.
  • Insgesamt sind bis zu 7 Wochen für betriebliche und überbetriebliche Praktika in den Ferien während der 10. Klasse vorgesehen.
  • Die Lehrgangsteilnehmer erhalten Praktikantenverträge. Fahrtkosten werden erstattet. Vergütungen werden nicht gezahlt. Die Teilnehmer erhalten lediglich die Perspektive, dass sie Anspruch auf Förderung durch die Lehrwerkstätten haben, wenn sie sich selbst fordern lassen.


Das Projekt „Haus der Berufsvorbereitung“ stellte damit von Anfang an in seiner gesamten Breite den ambitionierten Versuch dar, eine kreisweit geschlossene und konkrete regionalpolitische Antwort auf ein drängendes gesellschaftspolitisches Problem zu formulieren. Alle (!) interessierten Zehntklässler einer ins Gerede gekommenen Schulform erhielten konkrete Vermittlungsperspektiven, wenn sie dies denn wollten.

Dabei ist das „Haus der Berufsvorbereitung“ an der Schnittstelle zwischen der Schulpolitik (Übergang Schule/Beruf) und Jugendarbeitsmarktpolitik (Bessere Integration problematischer Zielgruppen) angesiedelt. In strukturpolitischer Hinsicht wurden vier zentrale Zielsetzungen verfolgt:

  • Nachhaltige Verbesserung des Übergangs von Hauptschülerinnen und Hauptschülern in eine betriebliche Lehre.
  • Verbesserte Kommunikation zwischen beteiligten Hauptschulen und Trägern der beruflichen Bildung im Kreisgebiet (Entwicklung einer Ausbildungspartnerschaft).
  • Deutlich effektivere Berufswahlvorbereitung durch konkrete Vermittlungszusage für die jungen Menschen bei Einhalten der definierten Bedingungen.
  • Deutlich verbesserte Motivation der Schülerinnen und Schüler durch die gegebene Perspektive.